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Traulichlein

Behutsam senkt sich die Sonne am späten Abendhimmel. 
Es ist Zeit für sie, sich zur gewohnten  Ruhe in ihr Wasserbett zu legen.
Das Meer hat aufgehört seine schäumende Brandung gegen das Ufer zu werfen und schwingt jetzt leicht in seinen 
Bewegungen hinaus und wieder hinein. Der Wind streift sanft über den Rand der Dünen und fährt mit einer streichelnden Briese in das kniehohe Gras auf den Bogen des Sandes.
 
Von der Nähe sind Schritte zu vernehmen, ein leichtes Summen und das kaum spürbare Vibrieren des Bodens.
Ein kleines Wesen, nicht Mensch und nicht Tier, erklimmt mit festem Schritt den Gipfel der Düne, hält inne und teilt das Gras, damit es seinen Blick hinaus über die Weite des Horizonts, den Strand und die steilen Klippen streifen lassen kann. Dann springt es mit einem kleinen Satz ein Stück die Böschung hinunter und rutscht, halb auf den Fersen, halb auf dem Po, auf den Sandkörnern dem Meer entgegen.
Unten angekommen klopft es mit seinen kleinen Händen auf seinen Hintern und seine Beine, und vom gröbsten Sand befreit, spaziert es lustig singend gerade auf die kleinen Wellen zu, die da friedlich am Ufer ausrollen.
Ohne anzuhalten marschiert es hinein in  das Wasser und schon nach wenigen Metern ist nur noch der Oberkörper mit den Armen und dem Kopf zusehen. Mit jedem Schritt verschwindet es wieder ein Stück, bis ein wenig entfernt vom Ufer, nur noch das winzige Haupt auf dem Wasser zu erkennen ist. Jetzt hält es noch einmal für einen Augenblick inne, es scheint sich zu vergewissern das ihm auch niemand  folgt, und spaziert dann schnurzgerade hinein in das dunkle Blau des Ozeans.
Es war Traulichlein, ein Zwergen ähnliches  Wesen, das da im Finsteren des nächtlichen Meeres verschwand.
Niemand hat  je gesehen wohin es geht, und woher es kommt, wenn es bei Sonnenaufgang wieder aus den Fluten steigt.
Es ist von seiner Gestalt dem Menschen ähnlich, doch klein wie ein Zwerg, verhutzelt und immer gut gelaunt.
Sein Wesen, sein Inneres, ähnelt dem der Tiere. Es lebt wie die Vierbeiner auf dem Boden und ist doch von der 
Leichtigkeit eines Vogels in der Luft, und Abend für Abend steigt es in den Ozean, wie die Fische im großen Teich.
Traulichlein, ja so heißt es, weil es Tag für Tag mit den ersten Strahlen die Traurigkeit zurück zu den Menschen bringt. Es steigt morgens aus dem Wasser, beladen mit der Traurigkeit, die sich Nacht für Nacht in seinen Träumen, im Herzen angesammelt hat.
Beladen mit der Traurigkeit der Menschen, die sie in ihren nächtlichen Träumen auf die Reise geschickt haben.
Auf die Reise in ein Land im Nirgendwo. Und dort lebt es, dieses kleine Männchen und fängt sie alle ein, damit auch nicht einer dieser vielen, vielen Träume in der Welt verloren geht.
Noch bevor sich die Sonne wieder am Firmament zeigt, macht sich Traulichlein auf den Weg, sie wieder zurück zu den Menschen in den Städten und Dörfern dieser Erde zu bringen. 
Fröhlich spaziert er über Berg und Tal und schüttet, wie ein Bauer bei der Aussaat, die Träume aus seinem Herzenssäcklein  über das Land. Jeden Tag. Und so erreicht jeden einzelnen von uns jeden Tag ein anderer Traum, da es ja so viele Träume auf dieser weiten Erde gibt. Nur manchmal mit ein wenig Glück, kann es passieren, dass man den gleichen Traum bekommt. Denn Traulichlein verstreut die Träume frei, so wie sie ihm gerade in den Händen liegen.
Und sollte dir einmal Traulichlein so früh am Morgen begegnen, so kannst du ihn um einen Traum bitten und er wird in sei Säcklein greifen und dir deinen Wunsch erfüllen.