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Sonnenwald

Peter war schon als kleiner Junge ein wenig anders als die vielen Jungen und Mädchen. Er war nicht größer oder gar klüger, aber auch nicht dümmer als die meisten seiner befreundeten Kameraden. Er unterschied sich eigentlich nur ein ganz klein wenig von den normalen Kindern unserer Zeit.
Er war immer fröhlich. Nicht alleine nur fröhlich und verspielt, heiter und ausgelassen, so wie alle Kinder dieser Zeit, 
nein, er war auf seine ganz eigene Art fröhlich und besonnen. Nie wild herumtollend, nie schreiend im schnellen Lauf die Dorfstraße entlang, nie weinend aus Kummer oder zornig aus Neid und Leiden. Nein, er war einfach nur still.
Seine stille Fröhlichkeit strahlte hinaus aus seinem kleinen Bubenherzen und ließ selbst manch manchen Alten vor Ehrfurcht die Worte auf der Zunge vergehen.
Peter spielte gern mit den anderen Jungen und Mädchen, doch wollte kaum ein Tag vergehen, an dem er nicht für einige Zeit die stille Einsamkeit und Abgeschiedenheit von der Zivilisation und all den Menschengeräuschen suchte.
Und er fand sie in den Fichtenwäldern, in den üppig bewachsenen Tälern und bunt blauen Flussufern seiner Heimat, 
die das kleine, stets ländlich gebliebene Dorf umgaben. Und hoch droben auf den Gipfeln der Berge, wo karger Bewuchs und felsige Erde, den Wald und die Sträucher und Blumen ablösten, da ward ihm am berauschtesten, am weitesten und luftigsten um sein kleines, stilles Herz.
Dort oben auf den Gipfeln des Mutterschoßes, dort hatte er ein Plätzchen, das für ihn die Mutterbrust der Natur und die befreiende Liebe der Stille war. Dort oben konnte er Stunde um Stunde im frischen Gras liegen und mit den hüpfenden Schatten der Zweige das Feuer der Sonne betrachten. Es war eine kleine, helle Lichtung, kurz unter der Grenze des Baumwuchses, umgeben vom schwanken der alten, ehrwürdigen Fichten und durchwachsen von Stauden und Gebüsch. Gedeckt mit Kamille und Klee, war das Bett der Natur bereitet, um sich hineinzulegen und zu entspannen, um die Mitte seines Körpers ganz leise singen zu hören. Von dort aus konnte sein Blick ziehen, weit über das Tal, in dem er die kleinen Dörfer, Felder und Straßen wie gemalt schaute.
Und am anderen Ende dieser Fruchtblase versank am Abend die Göttin Sonne im Meer des ewigen Spieles von Sommer und Winter. Dort oben stand er Peter, König der Stille und Mittelpunkt des unendlichen Reichtums und winkte der Sonne zum Abschied des Tages. Dankte ihr um ihr täglich Bemühen um Wärme und Leben und wünschte ihr eine gesegnete Ruhe, um in der Nacht neue Kraft zu schöpfen für die viele Arbeit, die Tag für Tag von der Befreiung des Morgens bis hin zur Zufriedenheit des zarten Sonnenuntergangs am Abend zu verrichten war. 
Auch heute hatte es ihn wieder hinaufgezogen. Nach dem Kirchgang, den er haste und liebte zugleich, bei dem er manches dieser Stille wiederfand, aber auch dieses verfälschte Nachmachen, das was seine Eltern Tradition nannten ihn würgte und zweifeln ließ, und nach dem Nachmittagskaffe, bei dem man still sitzen musste, sauber gekleidet und verschnürt wie ein Packet, war er wieder ausgebrochen aus dem Leben der Erwachsenen und hinaufgestiegen auf den Sasanner, der sich als höchster Gipfel über dem Tal erhob.
Dort hatte er all seine Freunde begrüßt. Mit den Vögeln eine Weile gepfiffen, die grünen Grillen durch das Gras gejagt und die Bäume zärtlich gestreichelt, bis ihm wieder ganz warm ums Herz war.
Jetzt nachdem er all das wieder neu in sich zu entdecken glaubte, konnte er sich niederlegen, ganz dicht an die Erde, mit seiner Haut auf die weiche Haut der Wiese und dann war ihm als spräche der Berg zu ihm mit einer tiefen grollenden Stimme und in einer Sprache deren Geheimnis nur er kannte. So verging Stunde um Stunde um ihn herum und die Zeit ließ die Schatten der Bäume wachsen, und das Blau des Himmels verschmolz langsam mit dem tiefen Schwarz des Alls. Die Sonne zog ihre Arme wieder zurück in ihren feinen Garten, schloss ihr zuhause auf und umrundete von neuem ihr tägliches Nest. Dies waren die Minuten in denen er am meisten genoss, in denen er die Lust in sich verspürte zu springen, egal wie tief hinab oder hoch hinauf. Einfach loszulassen von den vielen Seilen der Marionette, an denen er hing. Und als die Sonne so langsam hernieder gleitete auf die Wellen des grünen Meeres, den Himmel rot und blau und ach so bunt zu bemalen, da stand ganz plötzlich unterhalb seiner Lichtung, hoch oben auf einen Felsen, ein alter ehrwürdiger Mönch. Umschlungen von seinem schweren samtroten Tuch, den Kopf kahl geschoren und die Weisheit des Lebens tief in sein Gesicht eingegraben. Und er schaute hinauf zu dem Bub, streckte seine Arme weit in die Ferne, stellte seinen Finger hinein in das Leuchten des Abendhimmels und sprach zu ihm.
„Peter, Peter schau hinein in die Sonne und sag mir was du in ihr siehst“.
Und er schaute hinein in die flimmernde Glut, die Augen weit geöffnet, die Lieder unbewegt, und da kreiste, schräg nach unten versetzt, eine zweite noch schönere Sonne. Sie drehte sich schnell wie eine fliegende Scheibe und versprühte rote, gelbe blaue und grüne Funken von ihrem Strahlengewand. Es ward ihm als würde ein riesiges, feuriges Rad sich drehen und den Lauf der Dinge bewegen.
„ Siehst du diese zweite Sonne“. Sprach der Mönch. „Dies ist die Sonne Buddhas. Sie ist gekommen um dich zu sehen. Die Freude in ihr um dein Fühlen, um dein Miteinander in der Welt der Liebe, hat sie hierher gezogen. Sie ist es die den Lauf der Zeit regelt. So wie sie, dreht sich alles immer bunter, immer luftiger im Kreis der Zeit, bis du erkennst dass in diese Welt ohne Anfang und ohne Ende kein Leid und kein Kummer von Dauer ist. Hier an diesen Platz, an dem du gute Gedanken gedacht hast, wird sie für immer sein. Da du sie hier gefunden, und sie einen Freund niemals mehr verlässt“.
Und Peter sprang nicht vor Freude und weinte nicht vor Glück, er baute sich aus Holz und Laub eine kleine Hütte, und ging selten hinunter ins Dorf, um seine Eltern und seine Kameraden zu sehen. Auch ward die Schule für ihn hinaufgezogen auf den Berg, mit der Sonne Buddhas als sein Lehrer und Niemand wusste zu fragen nach der Wandlung von Peter, doch wollte ihn keiner dafür strafen. Da all diese Mitmenschen zwar nichts verstanden und doch spürten, das all das was unerkannt vor ihren Augen vor sich ging, so schön und bescheiden, und doch kraftvoll und sanft, den Segen über das ganze Tal brachte.