Mabassa
Was wandert da wohl durch das beißende Dickicht. Geschmeidig und weich gleitet jeder Dorn von seinem Körper.
Behutsam und zärtlich berührt seine Haut die frischen Knospen nur. Erkennt jede Wurzel, bevor die Augen sie erblicken. Ist offensichtlich hier im Gewirr des Unterholzes zuhause. Schon tritt es ein wenig aus dem Gestrüpp hervor. Von vier gleichen Wesen seiner Familie gefolgt und wir können es ein wenig besser betrachten.
Sie marschieren auf zwei winzigen Beinen, an jeder Seite zeigen sich je zwei Arme. Die Mitte der Stirn ziert seltsam ein kleines Auge. Leuchtend und klar , wie morgendlicher Tau am blühenden Rosenborn. An einer Lichtung im Wald lassen sie sich nieder. Umgeben von Sträuchern und hohen Gräsern, schlagen sie dort ein kleines Lager auf.
Die Frau schürt das Feuer, von des Mannes und dem Bub gebrachtem Holz. Dann stillt sie ein Kindelein, deren Schwester das brodelnde Wasser behütet. Hinein wirft man Schlangen und Hasenkraut, den Schwanz einer Eidechse, die Augen einer Kröte dazu, verrührt alles andächtig und lässt die Sud schäumen bis das Leben sich verquirlt.
Dann fasst der Vater und Herr zur Seite, ergreift dort ein Säcklein aus Leder, greift mit den Fingern hinein und streut ein geheimes Pulver in den kochenden Sud.
Oh Nachsicht und Freude
Oh Habgier und Neid
Du endlos bleibende Treue
Du Ende des nächtlich erwachenden Leid
Mabassa, ich ruf dich, du ewiger Geist
So zeig deinen Schimmer
Der du von allem alles weist
Auf einmal bricht Rauch aus dem eisernen Topf
Dampf steigt auf in Belziger Form
Schon ist zu erkennen der mächtige Kopf
„ Was willst du nur, du winziger Wurm“
„ Hast gerufen mich zu ewiger Stund
Bin Frage und Antwort die jeder Zeit
Mach Krank euch, Lebendig, wieder Gesund
Bin zu jeder Schandtat, zur Hilfe bereit“
Hell und durchdringend wie ein fliehender Ballon tauchte aus dem Zaubertopf ein alter, bunter Geist. Klar und durchsichtig im Rot, Blau und Grün der Farben, sich ständig wandelnd in seiner Gestalt. Mal schien er ein Dämon, mal eine Fee, mal ein Habicht und dann wieder die Glut des Feuers zu sein.
„ Mabassa, du König der unteren Welt
Nähre dein Wesen, puste dich auf
Damit das Jetzt sich von uns schält
Wir Raumlos durchqueren der Zukunft Lauf
Und so nahm der funkelnde Geist den großen Zauberer auf seine Hände, berührte ihn sachte an der Stirn über dem Auge, und entschwand mit ihm, geritten als tragendes Boot, in eine andere Wirklichkeit.
Sie durchquerten den Zeitlosen Raum und die Raumlose Zeit, überwanden die Stürme in den Bäumen und das Lebendige in den Bund sprühenden Blumen. Trugen den Erwachten Frühling in ihren zärtlich fragenden Herbst. Sie durchflogen die Nebelbänke der Habgier und Dunstwolken des Hasses, ließen die Ebnen der Liebe und die Höhenzüge des Glückes hinter sich. Der Wille und Drang nach höherem Sein, die Tugend und Leidenschaft fielen ab von seinem Wesen. So begannen sie zu kreisen um der Welten Mitte, und schwebten als Punkt im Zentrum dahin.
„ Oh Tage der Hoffnung, hier seit ihr zu Haus
Erwartet den Mensch in jeglicher Gestalt
So nehmt mich auf und tragt mich hinaus
Hebt von mir das Bangen nach Weltlicher Gewalt“
Und schon waren auch die Winde der Hoffnung eiligst durchquert. Das Warten auf Besseres unwichtig hinter blieben. Tiefer drangen sie ein in die Geisterwelt, in das Zuhause des Ewigen Alls. Und hier verweilten sie.
Aufgelöst von Fester Substanz, entkettet vom Ballast des Wollens, entbehrlich und einig, gebunden und gelöst.
Ruhig saß der Zauberer, mit übereinander gelegten Beinen in der Schwingung des Rhythmus. Je zwei Hände ineinander gelegt, gerade und aufrecht, wie ein alter Baum, dessen Wurzeln tief hinab ins Erdenreich wuchsen und ihn verbanden mit den Kräften der Erde. Die Farben des Lebens spiegelten sich in seiner Ruhe. Die Kräfte des Werden und Vergehens durchströmten seinen Hageren Körper, dass sich tragende Fühlen war vereint mit dem Mittelpunkt seines Inneren.
So hatte sein Körper den Platz am Feuer niemals verlassen und doch wanderte er durch die Zeit. Vertieft, in sich gefallen, erfüllte er den Raum mit einem Wortlosen Zimmer, und ließ jeden Teilhaben an seinem Werden, das seine Aura umgab. Frau und Kinder kauerten auf gleiche Weise auf dem Boden und bepflanzten den Garten auf neue, Wunderbare Weise.
„ Oh du Schrei der Gezeiten
Du Ruf, nach dem Ewigen Hin
Lass meine Seele auf dem Weg dich geleiten
Zur Wiege des Seins, zur Zärtlichkeit, der ich bin“
So schlich der Morgen sich langsam in die Lichtung des Waldes, durchbrach die Wand des Erblindens, und entzündete leise rauschend die Feuer des Werdens. Das Reiben der Blätter erwachte im Singen tausenderlei Vogelarten, das Kratzen der Käferbeine weckte die Körner des Sandigen Bodens. Die Zartfeuchten Lebensnebel begannen, von den Strahlen der Sonne durchblüht, hinauf zu reisen in des Himmels endlose Ebnen.
Der Reif überzog die Früchte der Bäume mit seinem Gläsernen Mantel und brach das Licht zu Fliehenden Sternen.
Der Beginn des Tages war durchströmt mit der Frische des Neuen Tages.
Der Zauberer kehrte heim in die Gestalt des Vaters. Das Wasser ward nur noch wenig gespeist von der Glut des sich
Lösenden Feuers. Mabassa war zurückgekehrt in sein Element. Gerufen vom Mensch, begehrt vom Fühlen, erkannt
Vom Sehnen nach seinem Wesen.
Langsam erwachte die Familie aus ihrem Meditativen Wachschlaf. Erhob sich von ihrem Lager, brachte die Glut völlig zum Erlöschen und begann, nachdem das Hab und Gut zu Tragbaren Bündeln verschnürt waren, ihre Reise fort zu setzen. Wieder hinein in das Dichte, in das Undurchdringliche des Mächtigen Waldes. Immer auf Wanderschaft. Dem
Geist der kommenden Nacht entgegen.
Mabassa, so führe uns Leidende Wesen
Geleite des Suchenden weinendes Herz
Mache von deiner Klarheit unser Licht besessen
Und nähre das Drängen nach Weltlichem Schmerz