Der Fisch Willi
Unterhalb der alten Ruine, zwischen Hügeln und kleinen Dörfern, lebte einst an einem See der alte Caschim. Er hatte seine Hütte am See Baragem erbaut, da dort der Lärm der Großstadt und die ewige Eile dieser Menschen in ihr, in weiter Ferne lagen.
Jetzt lebte er schon viele Jahre in dieser Einsamkeit und es genügte ihm, sich mit seinen vielen Freunden in der Natur zu unterhalten. Mit den Kröten und Grillen, mit denen er in der Dunkelheit musizierte, und den wild lebenden Hunden, denen er am Abend die Reste seiner Mahlzeit gab.
Einer seiner besten Freunde war die Sonne, die Abend für Abend über der alten Ruine glasklar am Firmament schwebte und ihr Bruder, der Mond, dessen Zu und Abnehmen für ihn das Schwingen in dieser Welt bedeutete.
Sein Leben verlief in geregelten Bahnen und für die Menschen in der Stadt wohl zu eintönig, da sie nichts sahen von der Vielfalt in dieser Welt, die ihn glücklich machte. So verrann Tag für Tag und er liebte alle, die die ihn mochten oder auch nicht.
Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen. Da war ja noch Willi. Ein Fisch. Der von Zeit zu Zeit bei Caschim an der alten Hütte vorbeischaute, um all die Fragen zu beantworten, die Caschim von Woche zu Woche beschwerten.
Für euch erscheint es sicherlich wie ein Wunder und auch Caschim war erschrocken, als der Fisch Willi eines Tages an seinem Ufer auftauchte, und anfing in der Sprache der Menschen mit ihm zu reden. Doch mittlerweile hatte er sich so daran gewöhnt, dass es für ihn nichts Ungewöhnliches mehr war.
Und so kam an einem Mittwoch, an dem Tag an dem die Woche sich teilt, wieder der Fisch Willi an die Hütte am See. Er war schon eine Weile nicht mehr bei Caschim gewesen. Caschim war gerade in der guten Stube bei der Pflege seiner Haare. Er machte sich weiter keine Sorgen, wenn Willi einmal länger nicht bei ihm erschien. Da er ja wusste, dass er immer nur dann am Ufer des Sees auftauchte, wenn Caschim wieder eine dringende Frage an ihn hatte.
Und so dachte er auch nie über die vielen Fragen nach, die er vielleicht stellen könne, weil er auch gelernt hatte, dass immer wenn er den Fisch Willi wiedersah, er ganz plötzlich wusste, welche Frage ihm gerade am meisten auf dem Herzen lag.
„ Caschim, ich bin’s Willi, Komm heraus aus deiner Hütte, da wir uns heute für deine Frage etwas mehr Zeit nehmen
müssen“. Ja auch das war für Caschim nichts ungewöhnliches, den Willi wusste immer genau wo er sich gerade aufhielt und welche Frage ihm auf dem Herzen lag. Ob beim Holzhacken, beim Füttern der Tiere oder in seinem kleinen Gemüsegarten hinter dem Haus. Der Fisch rief ihn immer dort wo er sich gerade aufhielt und es wäre für andere Menschen nicht möglich gewesen das Rufen zu vernehmen.
So wusch sich Caschim ohne Eile die Seife aus dem Haar und trat dann hinaus in das weiche Licht der Abendsonne.
Hinaus zu Willi, der unten am Ufer geduldig auf ihn wartete.
„ Na Willi, wie geht es uns den heute. Du scheinst mir heute ganz besonders klar zu strahlen“.
Die Schuppen glänzten Rot im warmen Schimmer des Abendlichtes und das Weiß seiner Augen, schien heute noch weißer zu sein“.
„ Guten Abend Caschim, ich war lange nicht mehr bei dir. Da dieses Mal deine Frage eine besondere Zeit brauch.
Doch jetzt ist es so weit und ich bin bereit, deine Frage zu empfangen“.
Ach ja, die Frage. Er hatte bis jetzt noch gar nicht daran gedacht, dass wenn der Fisch Willi auftauchte, ihm eine neue Frage gebar.
„ So Caschim, frage mich das was nicht dein Kopf begehrt, und auch nicht das, was deinen Körper quält. Schaue tief in dein Herz und spiegele dich in meinem Glanz“.
„ Ja Willi, du braver Fisch, der du immer das Gleiche bringst, und doch nicht Dasselbe. Seit einigen Tagen fühle ich mich leicht wie eine Feder. Wenn ich laufe, scheinen meine Füße den Boden kaum zu berühren. Ich habe vergessen,
was das sich Sorgen ist und ich frage mich oft, was ich so tun könnte, um mich wieder einmal mit Angst zu berauschen. Wenn ich meine Augen schließe, strahlt etwas in meinem Kopf, was nicht mehr brennt und nicht mehr schmerzt. Und so gibt es Augenblicke, da weiß ich nicht, bin ich schon Tod oder noch am Leben. Sage mir was das alles zu bedeuten hat“.
So antwortet der alte Fisch Willi:
„ Jeder Mensch kommt auf diese Erde, da er eine Erfüllung hat, die das Leben in sich birgt. Die Meisten leben Tag für Tag in den Fesseln ihrer Umwelt und sie beginnen sich immer dann zu fürchten, wenn sie bemerken, dass sie etwas Einmaliges und doch Gleiches mit allen Menschen in dieser Natur sind. Auch du hast viele Leben in diesem Spiel der Spiele gelebt. Doch eines Tages hat dich die Angst mehr gereizt , als die Furcht der Leblosigkeit. An diesem Tag bist du aufgebrochen um den Weg zu dir zurück zu suchen. Und dieser Weg hat dich hierher an den See Baragem geführt. Hierher zu dem Fisch Willi, der all diese kleinen und großen Fragen von dir in sich enthält.
So hast du gefragt und gefragt und immer wenn ich dir eine Antwort gab, bemerktest du, dass nicht ich derjenige war der sie dir gab, dass sie lediglich durch mich in dir erweckt wurde. Und jetzt hast du gelernt, dass alle Antworten in dir sind. Du musst nur wach sein, wann immer eine Frage in dir entsteht, so wächst mit der Frage auch die Antwort.
Nun ist alles klar und einfach und du hast verlernt dich zu fürchten. Denn die Furche erwächst nur dadurch, dass alle die vielen Fragen dich Tag für Tag quälen. Jetzt schwingst du mit dem Spiel der Zeit. Du hast aufgehört nach Zweifeln zu suchen. Das Helle, das du in deinem Kopf siehst, ist die Reinheit deines Herzens. Du bist zurückgekehrt zum Göttlichen, das du immer warst. Ab heute brauchst du mich nicht mehr. Alle deine Fragen sind beantwortet. Ich weiß, wir werden uns wiedersehen. Wenn auch nicht hier am See. Denn wir gehören alle in den großen Teich und niemand ist je getrennt davon“.
Und so tauchte der Fisch Willi hinunter zum Grunde des Sees, legte sich in eine Höhle zwischen den Felsen und schlief den ewigen Schlaf der Gerechten.
Für Caschim zogen die Tage dahin und er dachte nie darüber nach, dass er seinen Freund nie wieder sehen würde.
Er trug Wasser zu seiner Hütte, brach Eier in die Pfanne und saß abends auf dem Hügel, um mit der Sonne und dem Mond zu Leuchten.
Eines Tages werden wir Caschim begegnen. Dann wen wir es nicht erwarten. Dann wenn wir leicht sind wie eine Feder im Wind.