Haitschi-Bum-Baitschi
Einst vor vielen, vielen Jahren lebte in einem fernen Land ein junger Mann. Man nannte ihn Schuh-Schuh.
Er wohnte in einem Dorf am Fuße eines mächtigen Berges. Umgeben von satten, duftenden Wiesen und dunklen Wäldern, von rauschenden Bächen und blühenden Feldern. Hoch oben auf einen mächtigen Berg erhob sich die Festung König Bartus. Des Herrschers über all die Ländereien und ihren Menschen.
Schuh-Schuh war der Sohn des Schuhmachers im Dorf und sein Leben war in wenig Pflichten und vielem Spielen geteilt. Hinter dem Berg König Baruts breitete sich der Zauberwald über die Ebene und noch Niemand konnte ihn durchdringen. Doch diejenigen, die Mutigsten unter ihnen, die es versucht hatten in ihn einzudringen, kehrten entweder nie zurück oder sie erzählten schaurige Geschichten von bösen Hexen und Geistern die dort ihr Unwesen trieben.
Die Sonne stand noch hoch über der Wiese am Fluss, als an einem späten Nachmittag im Herbst des Jahres der Winde, der kleine Schuh-Schuh sich die wärmenden Strahlen auf sein Gesicht scheinen ließ. Er war eine Zeit lang den Bienen und Fliegen nachgejagt und ruhte sich jetzt von den erhitzten Wangen und dem Schweiß auf seiner Stirn, auf der Wiese aus.
Und als die Müdigkeit über ihn kam und der Traum das Wachsein übernahm, begann er auf den Zauberwald zuzumarschieren, um bei Anbruch der Dunkelheit dessen Rand zu erreichen.
Aus Furcht wollte er den dunklen Wald nicht betreten, doch magische Kräfte zogen ihn hinein in das Undurchdringliche, in die Welt der Dämonen und Fledermäuse. Schnell bemerkte er, dass er ohne Schwierigkeiten durch das Gestrüpp wanderte, ohne Licht blieb er doch immer auf dem Weg, ohne zu wissen wohin er ging, schien sein Ziel doch klar zu sein. Schon nach kurzer Zeit war er an einen kleinen Felsen gelangt, indem sich einen bewohnte Höhle zu befinden schien.
Die hölzerne Tür war verschlossen. Nur durch das kleine Fenster flackerte das schwache Licht einer Kerze zu ihm herüber. Er trat an die Tür, da er spürte dass dies das Ziel seiner Wanderung sei. Und als er endlich den Mut fasste anzuklopfen, öffnete sie sich wie von Geisterhand. Vom Schreck erholt, sah er vor sich eine wunderschöne Frau, die ihn mit freundlichen Worten aufforderte, den kleinen Raum zu betreten.
Als er eintrat, schien es ihm, als würde das Zimmer sich mit jedem Schritt verkleinern. Und jetzt sah er auch in der vorher so sauber wirkenden Stube, Ungeziefer in einer Ecke sitzen. Je mehr er darauf starrte, desto größer schienen die Käfer zu werden. Erst jetzt Erkannte er, dass aus einer Öffnung in der rechten Wand, mehr und mehr dieser Kakerlaken und Spinnen schlüpften und sich Frösche und Küchenscharben sich zu ihnen gesellten.
Als die schöne Frau die Furcht in Schuh-Schuhs Gesicht erkannte, begann sie in einer seltsamen Sprache den Tieren zu befehlen, sich wieder in ihre Spalten und Löcher zu verkriechen. In jenem Augenblick, in dem das ganze Gewirr, springend, hüpfend und kriechend sich von der einen Seite des Raumes zur Anderen bewegte, kam aus einem kleinen, schmutzigen Loch in Augenhöhe der Zauberin, ein bunter, lebender Stern gesprungen.
Er drehte sich bei seiner Fortbewegung und schien seine Form ständig zu verändern. Auch gehorchte er den Befehlen der Frau nicht und als sie nach dem seltsamen Wesen schlug, verwandelte es sich in eine farbige, feurige Fledermaus, die sich blitzartig auf Schuh-Schuhs Hand stürzte und sich in seinen Fingern verbiss. Trotz all der Angst die ihn überfiel , hatte er keinerlei Furcht vor dem Wesen und auch der Biss schien ihn nicht zu schmerzen.
Und plötzlich begann er die seltsame Sprache der Zauberin zu verstehen.
„ Kleiner Schuh-Schuh, gehe zu den Menschen in deinem Dorf, nehme sie bei der Hand und beginne mit ihnen zu Tanzen. Merke dir folgenden Gesang“.
„ Aber Haitschi-Bum-Baitschi es kimmt nimmer heum,
es losst des kleur Birbal alleuns daheum,
aber Haitschi-Bum-Baitschi Bum Bum,
aber Haitschi-Bum-Baitschi Bum Bum“.
„Immer wenn du dieses Lied singst, werden sich alle Wünsche der Menschen die du bei der Hand hältst und die wiederrum sich bei den Händen halten, in das Gegenteil erfüllen, dessen was sie sich ersehnen“.
Schuh-Schuh war erstaunt über diese Worte und da er vieles nicht verstand, wollte er die Zauberin fragen was dies alles zu bedeuten habe. Doch noch ehe ihm die Worte über die Lippen kamen, stand die schöne Frau wieder an der Tür und forderte ihn auf zu gehen, da schon bald der Morgen in den Zauberwald drang.
„ Schuh-Schuh, Schuh-Schuh“.
Als er vom Rufen erwachte, lag er noch immer auf der Wiese am Fluss. Seine Mutter war aus Sorge losgegangen nach ihrem Sohn zu schauen, da er oft die Zeit vergaß, und das Abendbrot schon auf dem heimischen Tisch angerichtet war.
Wie schnell sind die Tage vergangen und Schuh-Schuhs Traum ist einer von vielen Kinderträumen geworden. Als die Stunden des Unterrichts beendet waren, versammelten sich einige der Kinder draußen auf der Wiese vor dem Dorf, um nach der Schule sich im Spiel zu verlieren. Auch Schuh-Schuh war mit hinaus gezogen, da er oft der Antrieb für so manches schöne Spiel war.
So stellten sich alle Kinder im Kreise auf, nahmen sich Hand an Hand und einer machte den Vorschlag zu tanzen, sich zu drehen und dabei solche Lieder zu singen die jedem gerade so einfielen. Als Schuh-Schuh an der Reihe war, erinnerte er sich ganz plötzlich seines Traumes und er begann zu singen:
„ Aber Haitschi-Bum-Baitschi es kimmt nimmer heum,
es loßt des kleu Birbal alleuns daheum,
aber Haitschi-Bum-Baitschi Bumbum,
aber Haitschi-Bum-Baitschi Bumbum“.
Alle Kinder drehten sich im Kreise und freuten sich über das schöne Lied das alle erheiterte. Schuh-Schuh war glücklich ein angesehener Junge unter den Kindern zu sein. Nichts wusste er mehr von den Worten der Zauberin,
dass, wenn er dieses Lied mit anderen singe, die Wünsche der Menschen die seine Hand und deren Hände hielten, sich so erfüllten, das das Gegenteil dessen geschah, was sie sich erhofften.
Und so passierte es, das Einer der nur wenige Münzen in seiner Tasche hatte, sie zu Hause als verloren glaubte,
ein Anderer seinen Holzkarren verfault und vermodert am Rand der Wiese fand, da er nichts sehnlicher erwünschte als einen neuen, strahlenden Wagen zu besitzen und bei einem Dritten, alle Hunde und Katzen bei seiner Heimkehr
vom Hof seiner Eltern verschwunden blieben.
Viele Jahre waren ins Land gezogen. Aus dem kleinen Schuh-Schuh war ein junger Mann geworden. Seltsame Dinge waren seit dem im Dorf passiert, doch hatte man sie als Jugendstreiche oder gar als Spiel des Bösen aus dem Zauberwald abgetan.
Zu dieser Zeit wurden Vorbereitungen zu einem großen Fest am Hofe des Königs getroffen. Der Vater Schuh-Schuhs und auch er als Lehrling, waren angehalten neue Schuhe für den König und dessen Gefolge zu fertigen. So gingen sie mit Eifer ans Werk und vergaßen auch nicht für sich selbst ein Paar besonders schöne Sandalen zu fertigen, denn auch sie waren zu dem kommenden Fest geladen.
So nahm dann das fröhliche, bunte Treiben seinen Lauf und bei Wein und Gesang fielen alle in einen berauschenden Zustand des Glücklich seins. Und so kam es auch das man Schuh-Schuh aufforderte einen Gesang zur Tafelrunde des Königs darzubieten. So stand er auf, nahm seine Nachbarn bei den Händen, die wiederum die daneben stehenden bei den Händen fasten, bis der Kreis um den Tisch sich geschlossen hatte. Am Ende der Runde stand der König und alle Fürsten und Meister des Landes, schlossen den Zirkel und lauschten dem Gesang.
„ Aber Haitschi-Bum-Baitschi, es kimmt nimmer heum,
es loßt de kleu Birbal alleuns daheum,
aber Haitschi-Bum-Baitschi Bumbum,
aber Haitschi-Bum-Batschi Bumbum“.
Alle sangen fröhlich mit und noch bis Mitternacht erklang überall am Hof dieses wunderschöne Lied.
Doch kaum war der Kater des Festes am nächsten Tag vorbei und die letzten Verwirrungen beseitigt, begann der Zauber sich zu erfüllen. Das ganze Land verfiel in Lethargie und Armut. Die Grenze wurde von benachbarten Königen überfallen und kleine Dörfer und Gehöfte geplündert. All die Herrscher der großen Tafelrunde waren von Verarmung geplagt und mussten zu den Bauern und kleinen Leuten gehen, um nach Nahrung und Kleidung zu betteln. Die vorher so große Gunst des Volkes zu seinem König verwehte und keiner wollte mehr Steuern entrichten. Und je mehr man sich fragte, woher dieses plötzliche Unglück rührte, umso tiefer verfiel das Land in Trauer und Verzweiflung.
Nur der Hofnarr, als einziger der wirklich darüber nachdachte, hatte seit langem die seltsamen Vorkommnisse im Lande verfolgt. Auch des Öfteren das Verschwinden verschiedener Dinge erforscht. Und so viel es ihm auf, dass wenn immer etwas Sonderbares im Lande geschah, dies in Verbindung mit dem Schuhmacherlehrling Schuh-Schuh stand. Auch dieses Mal war er vor der großen Katastrophe, auf dem Feste am Hofe des Königs, zu gegen. So ging er eiligst zum König, um ihm von seiner Entdeckung zu berichten. Der wiederum rief sofort den höchsten Rat des Landes zusammen, um sich zur Beratung in die hinterste Kammer des Schlosses zurückzuziehen. Und so dauerte es nicht lange, bis auch die hohen Herrn des kleinen Reiches sich der Ansicht des Hofnarren anschlossen und man von höchster Stelle urteilte, Schuh-Schuh für sieben Tage an den Pranger des Dorfes zu stellen, damit ein Jeder sich ein Urteil bilden konnte.
Durch die anhaltende Depression und durch Armut gepeitscht, fing nun auch das Volk an, in ketzerischer Weise über Schuh-Schuh herzufallen. Man warf zum Ausdruck seines Unmutes mit Abfall und faulen Eiern auf den am Pranger angebundenen. Und schon am dritten Tage wurden die ersten Rufe laut, ihn öffentlich als Hexer auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen.
Dem immer heftiger werdenden Druck und durch die Machtgier geplagt, gab der König am fünften Tag nach Beginn der Anprangerung, der Begierde des Volkes nach.
Und so verurteilte man Schuh-Schuh zum Tode auf dem Scheiterhaufen. Das Urteil sollte am Sonntag, dem siebten Tag seiner Strafe vollzogen werden.
Für Schuh-Schuh und dessen Familie war das Leid ohne bewusstes Wissen um diese Dinge hereingebrochen. Und so weinte er aus tiefem Schmerz und Liebe zu den Menschen.
Enes nachts, es war die Nacht vor seinem Sterben, der Mond stand voll über seinem Haupt, erschien ihm im Wachschlaf wieder die Zauberin, die ihm schon damals am Ufer des Fußes begegnet war. Und es viel ihm wie Schuppen von den Augen. Er konnte sein Leben und sein Leiden, Stück für Stück, in dem Zauberspruch wiederfinden.
Ja, jetzt wusste er woher all diese seltsamen Dinge kamen, die im Land geschahen. Woher das große Leid seines Volkes rührte.
Am siebten Tage des Hundes, versammelten früh am Morgen, alle Menschen des Landes auf der großen Wiese vor dem Dorf. Dort, wo er schon einmal mit allen Kindern sein Lied gesungen hatte. Väter und Mütter waren gekommen, Jungen und Mädchen, Kaufleute und Bauern. Mit Musik zog der Hohe Rat, geführt von König Bartus, ein auf den festlich geschmückten Platz. Um das Urteil zu vollstrecken, damit das Leid endlich ein Ende hatte. Der Scheiterhaufen war gerichtet, der Henker hatte alle Vorbereitungen getroffen, so wie es seinem Stand geziemt, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun.
Und so wie es Brauch war, wurde der Todeskandidat gefragt, welches seiner Wünsche er als letztes begehre.
Ohne zu zögern antwortete Schuh-Schuh, so möge er noch einmal mit dem ganzen Volk sein Lied besingen, um dann von ihm Abschied zu nehmen.
So nahmen sich noch einmal alle Menschen bei den Händen. Ein Jeder ergriff die Hand des Nächsten, bis der Erste und der Letzte, in einem großen Kreis, alle an Schuh-Schuhs Hände hingen. Und um den heiligen Willen zu erfüllen, sorgte König Bartus persönlich dafür, dass auch die Leibgarde ihre Waffen nieder legte und sich einreiten in die Menschenkette auf dem Dorfplatz. So begann Schuh-Schuh noch einmal das alte Lied seiner Träume, das Lied der Wandlung, zu singen:
„Aber Haitschi-Bum-Baitschi, es kimmt nimmer heum,
es losst des kleu Birbal alleuns daheum,
aber Haitschi-Bum-Baitschi Bumbum,
aber Haitsch-Bum-Baitschi Bumbum“.
Und es geschah, dass sich all die Wünsche der Menschen in ihr Gegenteil verwandelten. Aus Hass wurde Liebe, aus Tod wurde Leben, aus Armut wurde Reichtum und aus dem Krieg mit dem benachbarten König, wurde Frieden.
Es kam ein Heil über das ganze Land. Keiner dachte mehr daran Schuh-Schuh zu verbrennen, da alles Verlangen sich ins Gegenteil wandelte. Das ganze Land viel in Glück und Freude, und so erfüllte sich an diesem Tag der Zauber am ganzen Volk. Der Zauberwald lichtete sich, das Undurchdringliche wurde klar und das Lied hatte seine Kraft verloren.
Noch nach vielen Generationen sang man das Lied bei manch festlichem Anlass und erzählte abends am Feuer die Legende von Schuh-Schuh dem Schuhmacherlehrling, der als Prophet seine Weisheit über das ganze Land getragen hatte.