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Barbaba

So soll es sich zugetragen haben, einst vor einer langen Zeit, dort im fernen Indien, im Land der Fakire und heiligen
Affen, dem Land der reichen Kühe und freien Götter.
Es war schon spät am Abend, der Tag lief mit letzter Kraft aus seinem Gefäß, und die mächtigen Mauern von Tscha-Tscha-Pur schimmernden  ziegelrot im weichen Licht der vertrauten Sonne.
Ein noch junger Mann, Shanti rief ihn seine Mutter, trat mit der letzten Wärme des Tages durch das große Haupttor im Osten der Stadt, ein in eine verzauberte Welt der Kaufleute, Babas und Schlangenbeschwörer.
Er war von weit her gekommen, hatte sich von seinem Heimatdorf Hascha auf den Weg gemacht, endlich auch einmal die mächtigen Türme und festen Mauern der so fernen Stadt mit eigenen Augen zu schauen.
Auch trieben ihn die Gerüchte über den Reichtum der Städter und den Palast des mächtigen Maharatschas, ganz aus Marmor erbaut, hinaus aus seinem von Arbeit und Beten erfüllten Leben.
Doch zuletzt, für ihn am ersehn testen, wollte er die Tempel zu Ehren Shivas, dem Zerstörer und Erneurer, und dessen Sohn Ganesh, des Gottes mit dem Elefantenkopf, erschauen und in ihnen zu neuer Weisheit und einem besseren Karma erlangen.    
Gleich am Beginn der breiten Straße kauerte an die lehmige Mauer gelehnt ein altes Männchen.
Es war ein hagerer, knochiger Mensch und er schien sein Leben den Tieren geweiht zu haben.
Man sagte, Shiva habe ihn mit seinem feurigen Schwert geblendet, da er geschaut habe, was dem Menschen verboten. „So spät noch auf der Suche, mein Sohn?“, vernahm Shanti die Worte in seinem Rücken und als er sich umwandte, grüßte der Alte ihn freundlich mit erhobenen Händen.   
„Sei gegrüßt mein Sohn und lasse dich Segnen von Krishna und seiner bezaubernden Flöte“.
„Sei auch du gegrüßt Alter, aber ich kann dir leider keinen Rupie geben, da mein Beutel nur trägt was kaum einen Magen füllt. Und ich mich dann zu dir setzen müsste, wenn ich dir was gebe“.
„Nein, nein, behalt nur was dir nützlich erscheint. Ich brauche nichts von dem Wenigen was du besitzt.
Aber wen du mir eine Freude machen möchtest, so sage mir wie sich die Mauer an der ich lehne, heute ansieht.
Meine Augen sind blind, doch meine Hand fühlt eine Wärme die nur wenig in diesem Gestein zu spüren ist“.
„Ja wenn es weiter nichts ist, Alter, diese Freude will ich dir wohl machen. Dort an der Mauer an der du gerade lehnst, ziehen die Schatten zweier Türme vorbei. Sie müssen von weither kommen und sind von ihrem beschwerlichen Tages weg lang und dünn geworden. Um sie herum fließt ein Meer von blutroten Saphiren, die weich über den Sandstein schleifen und für Augenblicke feine Muster in das Mauerwerk ritzen. Ein schwarzer Strauch fächert den Türmen frischen Abendwind ins Gesicht, doch schon haben sich die Brüder auf den Weg gemacht, hinaus aus der Stadt, um bis morgen früh die Erde zu umrunden“.    
„Deine Worte sind so schön wie deine Augen, und dein Herz lässt sich nicht bezahlen weder mit Münze noch mit Papier. Wenn du eine Bleibe suchst, so findest du ein Stück die Straße entlang eine Herberge für Pilger. Grüße dort den dort den Verwalter von Barbarba und er wird dich umsonst dort schlafen lassen. Gesegnet seist du mein Sohn von Shiva und seiner siebenköpfigen Kopra“.
Shanti dankte dem Alten und ging, wie es ihm der Alte geheißen hatte zu der Herberge, um sich von den Strapazen des langen Tages zu erholen.  
Früh am Morgen verließ er die etwas ungewohnt laute Schlafstätte, um mit frischen Kräften, frohen Mutes sich unter das rege beginnende Leben des Tages zu mischen. Noch waren nur vereinzelte Menschen auf der Straße, und
einige der vielen wild lebenden Hunde kläfften ihn aus verschlafenden Augen an. Doch spürte man schon das vibrierende Gewirr in der Morgenluft sich spiegeln. Und mit den ersten kräftigen Sonnenstrahlen begann die Stadt aus seinem langen Schlaf zu erwachen. In nur kurzer Zeit waren die Gassen und Straßen erfüllt vom Lärm ihrer Bewohner. Autobusse hupten, Kühe zogen gemächlichen Schrittes die Straße entlang, ständig nach etwas fressbarem Ausschau haltend. Aus den wenig kläffenden Hunden des Abends, schien sich eine Flotte von abgemagerten und hinkenden Kreaturen gebildet zu haben. Nur Wenige , von den vielen Abfällen, von Seuche und Aussatz geschwächten , schienen ein Revier für sich zu behaupten. Und man sah vereinzelt in der Nacht zu Tote gebissene Hunde am Straßenrand liegen. 
Rikschas fuhren an der Klingel ziehend und sich anbietend an ihm vorbei. Dies alles war für ihn ein ungewohnter Anblick. Da man im Dorf entweder ein altes Rad besaß, oder man sich zu Fuß fortbewegte. Niemand war daran interessiert aus den gewohnten Wegen, zum Bäcker oder in die Schule, zum Gebet in den kleinen Tempel oder gar auf dem Weg um sein Tageswerk zu verrichten, seinen Lebensunterhat zu bestreiten.   
So ging er , von der Vielfalt der Eindrücke verwirrt und von dem Übermächtig auf ihn einstürzenden Farbenspiel geblendet, durch die kleinen und großen Straßen der so begehrten Stadt. Und ohne so recht zu wissen wie, stand er plötzlich wieder vor dem alten Mann.
„Den Segen der Götter für dich mein Sohn. Du scheinst mir etwas verwirrt und deine Füße scheinen ohne deinen Kopf zu marschieren“. „Grüß dich Alter. Ja meine Füße kennen ihren Weg nicht, doch mein Kopf kann ihnen hier nicht zu Diensten sein, da er von alldem doch überrascht und noch nicht weiß, ist er noch im selben Land oder hat man ihn über Nacht auf einen anderen Stern verbannt. So muss es wohl mein Herz gewesen sein, das mich wieder her zu dir geleitet hat. Du sitzt noch an der gleichen Stelle als gestern Abend und ich sehe, ich bin noch in der gleichen Stadt wie zuvor. Warum kauerst du hier am Tor und nicht mitten in der Stadt. Mir scheint, das Betteln ist dort einträglicher“.
„Ach weißt du mein Junge, das bitten um eine milde Gabe ist längst hinter mir geblieben. All das wessen ich bedarf, besitze ich im Überfluss. Seit vielen Jahren sitze ich hier an der Mauer und die scheinbar glatte Wand ist für mich ein Buch des Lebens geworden. Früh am Morgen weckt sie mich durch ihre zarte Frische, wärmt mit den ersten Strahlen meinen Rücken, ist Schatten  in der Glut des Tages, ein Dach bei Regen und Staub, und am Abend leuchtet sie dann zärtlich und bescheiden hinein in meine Seele, bis ich tief in meinen Träumen versunken schlafe. So viele Menschen habe hab ich durch dieses mächtige Tor kommen und gehen gesehen. Und die die kamen waren voller Hoffnung und berauschten Gefühlen, da sie sich in der Stadt die neue Welt und ein neues Leben erhofften, und die die gingen, waren voller Sehnsucht, da  sie glaubten, das da draußen in der Welt, in den Armen der Natur, ihr Heil und Segen läge. So bin ich geblieben und lebe in der Pforte zwischen Himmel und Hölle.
Denn die Geblendeten hoffen auf die Nacht mit ihrer frischen Kühle und die Blinden auf das Licht der Ewigkeit, um endlich all das zu sehen, was sie nicht fühlen. So sehe und höre, rieche und schmecke ich alles auf meine Weise. Denn wie deine Augen all das hier sehen und es über dein Herz zu deinem Mund gelangt, so erkennt mein Herz ganz ohne Licht klarer und bescheidener, und wie dein Kopf sich bemüht sich nicht zu verlaufen, so laufe ich mit meiner Seele egal wohin, da ein jeder dieser unzähligen Wege begangen sein will“.
„Ich fühle dass deine Worte tief aus deinem inneren Bewusstsein stammen. So bin ich gestern gekommen, weil auch ich ersehnte und meine Wünsche auf das Ferne und Unbekannte warf. Ich hatte versucht zu erahnen, was da alles in der Zukunft liegt. Ich habe oft davon geträumt, bis mein Bild nichts mehr übrig ließ von dem was ich nicht wissen konnte. Und so bin ich losgezogen, hinein in die Verheißung und habe nichts von dem gefunden was in mir schlief.
Stattdessen bist du mir begegnet. Ein alter, weiser Mann und ich habe mich wiedergefunden in all deinen Worten.
So will ich jetzt wieder gehen hinaus aus der Stadt, ohne die Tempel und den Palast zu sehen. Da ich in dir einen Prächtigeren Tempel und einen mächtigeren Palast gefunden habe, als ihn jemals Menschenhand erbauen könnte.
Ich wünsche dir nichts zum Abschied, da keiner meiner Wünsche etwas enthielt was du nicht schon längst gefunden.
Ich danke dir und werde dich für immer in meinem Herzen tragen.
 
So verabschiedeten sie sich, die in nur wenigen Stunden zu Freunden geworden waren und Shanti wanderte hinaus aus der großen Stadt seinem Dorf entgegen.
Die Sonne rief noch nicht zur Mittagsstunde als weit in der Ferne die mächtigen Mauern der Stadt ziegelrot brannten. So verzaubert und unwirklich ihm diese Zuflucht im Flimmern der heißen Luft und  leise murmelnd sang er vor sich hin „ Barbarba, Barbarba“.