Der Zeitlose Baum
Einst, vor vielen, vielen Jahren, da trug noch nicht der Mensch der Erde Leid
Kein Fuß zertrat die Blütenpracht, keine Hand zerriss das schöne Wachsen
Nur Frieden und Geborgenheit
Ergriff der Erde endlos Achsen
Da schlossen Länder ineinander
Ohne Ende der Grenzen beraubt
Lebten Tier und Pflanzen harmonisch miteinander
Waren Ebnen und Berge von dichten Wäldern bebaut
Da sprachen die Tiere in ihrer eigenen Sprach
Verstand ein Gräslein anderes Gras
Erfuhr kein Blümlein des Fußes Schmach
Ward unerfunden des Menschen seltsamer Spaß
Die Bäume waren Herrscher unter zahllosem Sein
Gewährtem dem Wachsen Nahrung und Licht
Beschützten die Wesen, auch noch so klein
Und schlugen dem Wind ihre Arme ins Gesicht
„Du Bruder, sieh dort
Aus dieser Richtung wird das Feuer einst kommen
Unsere Wurzeln sind tief, wir können nicht fort
Sind machtlos dem Willen, verängstigt benommen
Noch seh‘ ich nicht des Menschen bedürfnis
Doch ahne ich schon, so wird es geschehen
Betaste im Samen des Lebens Bewürfnis
Muss Schritt für Schritt das Zeitlose gehen“
So sprach er, der weise gegerbte Baum
Stand Jahr für Jahr am Rande der Sucht
Sprach oft von den Welten im nächtlichen Traum
Doch hat er niemals geahnt, wie zärtlich man flucht
„So glaub ich du Alter, dein Sinn ist verwirrt
Noch nie hat ein Mensch meine Rinde berührt
Ich weiß, dass du noch niemals geirrt
Doch ist des Lebens Feuer schon ewig geschürt
So gab es nur Wachsen und Fallen im Lauf
So vieles entstand und ward schnell wieder fort
Legte das Schicksal uns seine Bürde auf
Begrub manchen Weg an des Weltenrades Ort“
Der Zweifel war wach und schlug seine Bahn
Warum soll das Reife so schmächlich vergehn
Erfunden vom Mensch wird einst noch der Wahn
Doch fand man das Ahnen weder freudig noch schön
„Ich wollt ich könnt lösen die Ketten am Fuß
Um zu wandeln wonach mir steht der Sinn
Hinunter zum Wasser, zum rauschenden Fluss
Zur Quelle des Lebens, zum Grabe hin
Von dort wird er kommen aus winzigem Keim
So wie auch uns das Nasse genährt
Kehrt er zurück ins Feuchte Heim
Bis dahin ist ihm der Schrecken gewährt
Er wird begreifen was uns längst schon bewusst
Wird fortan sich regen im tödlichen Schrei
Jeden Fehler brav er begehen muss
Auch wenn es tödlich für uns alle sei
Siehst du dort diese Erde wie dunkel und satt
Auch sie zählt als Schöpfung im gleichen Wert
Wenn einst geborsten und verwelkt ein jedes Blatt
Lebt weiter diese Schöpfung auf dieser Erd
Nicht wir sind die Norm, einzig ersehnt
Sind Richtung und Freude für alles was wird
Wenn dieses Natürlich gewollt vor uns gähnt
So hat sich die Schöpfung noch niemals geirrt
So warteten die Wälder in zeitloser Norm
Vergingen die Monde, der Sonne klares Licht
Behauen schien täglich der Erde Form
So unbekannt der Zukunft Sicht
Schon lebte der Mensch als haariges Wesen
Ernährte den Körper von Pflanzen und Frucht
Ward wenig nur von Macht besessen
Doch gierig, er schon nach Schmackhaftem sucht
Begann sich zu strecken um größer zu sein
Benutzte den Kopf in winziger Form
Noch kannte er nicht dieses mein und dein
Doch suchte er beständig nach zähmender Norm
Der zeitlose Baum hat seine Kinder noch gesehen
Dann lag er danieder im Gewitterrausch
Vom Blitze erschlagen musst einig er gehen
Seinen hölzernen Körper dem Feuer zum Tausch